von Claudia Crodel - Mitteldeutsche Zeitung vom 16.8.11
Die Organistin Ekaterina Leontjewa hat auch in diesem Jahr wieder ein deutsch-russisches Orgelfestival ins Leben gerufen. Vom 21.8.-28.8.11 werden junge Künstler ihr Können auf der Königin der Instrumente der Öffentlichkeit präsentieren und viel dazulernen. Mit dabei sind Schüler von Ekaterina Leontjewa, die seit zwei Jahren in der Gollmaer Kirche Orgelunterricht gibt. Hinzu kommen Kinder aus Rußland, die bei dem von Leontjewa mitgegründeten Orgel-Wettbewerb in St.Petersburg in diesem Jahr einen Preis errungen haben.
Nach dem Eröffnungskonzert in Gollma am 21.8.11 um 17 Uhr steht vor den Kindern eine gleichermaßen interessante wie anstrengende Woche. Sie werden verschiedene historische Orgeln in der Region kennen lernen und insgesamt sechs Konzerte bestreiten.
Der Höhepunkt wird am 25.8.11 ein Abend in der Konzerthalle Ulrichskirche in Halle sein, zu dem auch der russische Botschafter und Halles Oberbürgermeisterin Dagmar Szabados ihr Kommen angekündigt haben.
20. August 1741 - Vitus Bering erreicht als erster Europäer Alaska (vor 270 Jahren)
Im "Stichtag" auf WDR2 war am 20.08.2011 auch von Steller die Rede:
Nach acht Jahren und rund 14.000 Kilometern durch die sibirische Wildnis erreicht die Expedition die Pazifikküste. Dort sticht Vitus Bering Anfang September 1740 mit 90 Mann Besatzung auf den extra gebauten Schiffen "St. Peter" und "St. Paul" in See. Als Naturforscher mit an Bord ist auch Georg Wilhelm Steller. Der junge Arzt aus Halle an der Saale hat so manchen Kampf auszufechten mit seinem schon 60-jährigen Kapitän, der sich nicht im geringsten für Fauna und Flora interessiert.
Der Streit der beiden eskaliert, als die "St. Peter" im Hochsommer 1741 nach monatelanger Fahrt endlich das ersehnte, unbekannte Alaska erreicht. Bering hat es eilig, will nur kurz Wasser aufnehmen, um dann, noch vor Einbruch des Winters, die Rückkehr zur Halbinsel Kamtschatka zu schaffen. "Wir sind wohl nur hier, um amerikanisches Wasser nach Asien zu bringen", ereifert sich der ehrgeizige Steller. Gerade einen halben Tag lang darf der Naturforscher eine vorgelagerte Insel erkunden. Dann befiehlt ihn der bärbeißige Bering zurück an Bord.
WDR2 Stichtag Website und als mp3-Datei zum Download.
VON CLAUDIA CRODEL - Mitteldeutsche Zeitung vom 11. Dezember 2010:
HALLE/MZ. Vergessen sind die meisten seiner Wundermittel. Nur die Hoffmannstropfen sind auch heute noch in vielen Hausapotheken zu finden. Die Rede ist von Friedrich Hoffmann, der am 19. Februar 1660 in Halle geboren wurde und die erste medizinische Professur an der Friedrichs-Universität Halle innehatte. Am Freitag wurde die nach ihm benannte Straße, zwischen der Franckestraße und der Philipp-Müller-Straße gelegen, mit Zusatzschildern versehen. Im Rahmen der Aktion "Bildung im Vorübergehen" der Bürgerstiftung Halle wurden sie angebracht. "Prof. Friedrich Hoffmann (1660-1742), Arzt, Erfinder der Hoffmannstropfen, Begründer der Medizinischen Fakultät der Universität in Halle" ist darauf zu lesen.
Naturgesetze für den Körper
Gespendet wurden die Zusatzschilder von der Internationalen Georg-Wilhelm-Steller-Gesellschaft. Die trat im Rahmen ihrer Aktion "Schüler ehren ihre Lehrer" als Sponsor auf. "Hoffmann war der akademische Lehrer von Steller", so Anna-Elisabeth Hintzsche von der Steller-Gesellschaft.
Hoffmanns Verdienst lag vor allem in seiner Medizinauffassung: Ihm zufolge gelten die Naturgesetze auch uneingeschränkt auf den menschlichen Organismus. Den Körper verstand er als hydraulische Maschine, die durch Flüssigkeitsströme angetrieben wird. Wichtigste Bewegung sei dabei der ständige Kreislauf des Blutes, der den Körper vor Verderbnis schütze und mit dem Leben gleichzusetzen sei. Seine Intention war zudem die Ausbildung am Krankenbett, was auch heute für Medizinstudenten wieder eine wichtige Rolle spielt.
Hoffmann verbrachte seine Kindheit in Halle, studierte in Jena und Erfurt Medizin. Nach kurzer Lehrtätigkeit in Jena und der Arbeit als praktischer Arzt, Garnisonsarzt, Hofarzt und Landphysikus in Minden und Halberstadt, kehrte er in seine Heimatstadt Halle an die Universität zurück. Zusammen mit seinem ehemaligen Kommilitonen Georg Ernst Stahl prägte er in entscheidendem Maße die Entwicklung der Medizin im 18. Jahrhundert und entwickelte durch sein Wirken die hiesige Medizinische Fakultät zu einer führenden Ausbildungsstätte. Der Einfluss, den die Philosophie der Aufklärung auf das medizinische Denken ausübte, ist dabei bei Hoffmann nicht zu übersehen.
International anerkannt
Hoffmann war vielfach Dekan der medizinischen und fünfmal Dekan der philosophischen Fakultät sowie fünfmal Prorektor der Universität. Seine internationale Anerkennung zeigte sich in seiner Zugehörigkeit zu verschiedenen wissenschaftlichen Gremien, so war er Mitglied in mehreren Akademien, der Royal Society in London, der russischen und der Berliner Akademie der Wissenschaften sowie auch der Leopoldina. Friedrich Hoffmann starb am 12. November 1742. Seine letzte Ruhe fand er auf dem Stadtgottesacker.

VON SILVIA ZÖLLER - Mitteldeutsche Zeitung vom 2. Oktober 2010:
HALLE/MZ. Es ist eine herzliche Runde, in der viel gelacht wird, wenn Eduard Kolchinksy und Vladimir Sobolev aus Sankt Petersburg nach Halle kommen und bei Wieland und Anna-Elisabeth Hintzsche zu Gast sind. Seit 18 Jahren kennt sich das Quartett - dank des gemeinsamen Interesses an den Forschungen des Georg Wilhelm Steller (1709-1746), der in Halle studierte, in Franckes Schulstadt als Lehrer tätig war und im Auftrag der Petersburger Akademie der Wissenschaften an einer Kamschatka-Expedition teilnahm.
Langjährige Freundschaft
Grund für Kolchinsky und Sobolev, sich wieder einmal in den Flieger zu setzen, sind die 17. deutsch-russischen Begegnungen der Steller-Gesellschaft an diesem Wochenende. Anna-Elisabeth Hintzsche ist Vorsitzende der Gesellschaft, beide russischen Professoren gehören zu den Gründungsmitgliedern. Doch die langjährige Freundschaft hatte ihren Ursprung nicht in Halle, sondern in der zweitgrößten Stadt Russlands. An den Tag, an dem Wieland Hintzsche im Rahmen eines damals noch an der Uni Leipzig, später an den Franckeschen Stiftungen angesiedelten Forschungsprojektes zum ersten Mal nach Sankt Petersburg kam, erinnert sich der 62-Jährige Kolchinsky sehr gut: "Das war 1992, kurz nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Es gab keine Regeln mehr, wie mit Ausländern umzugehen ist. Alles war halboffiziell", so der Professor und heutige Direktor des Instituts für die Geschichte der Naturwissenschaften und Technik der russischen Akademie der Wissenschaften Sankt Petersburg.
So konnte Wieland Hintzsche das tun, was vor dem Mauerfall und Glasnost undenkbar war: In russischen Archiven arbeiten und die zahlreichen Berichte, Forschungen und Bilder Stellers aus der Kamschatka lesen, zusammenstellen und veröffentlichen. 38 Mal war er seitdem in Sankt Petersburg, wo ihm der heute 66-jährige Vladimir Sobolev als Leiter des Archivs der Akademie der Wissenschaften immer gerne zur Seite stand.
Für Sobolev dagegen sind die ersten Besuche 1992 an der Saale unvergessen: "Die Franckeschen Stiftungen waren ein schlimmer Anblick." Heute kann er kaum glauben, dass der Wiederaufbau so schnell voran gegangen ist. "Ich dachte, dass man dafür 30 Jahre braucht", sagt er kommt auf Paul Raabe zu sprechen. Denn der russische Archivar ist beeindruckt von der Persönlichkeit Raabes, der von 1992 bis 2000 Direktor der Franckeschen Stiftungen war und auch durch Besuche in Petersburg die deutsch-russischen Beziehungen ermöglicht hat. "Er ist ein Titan deutscher Kultur, er hat Brücken geschlagen", so Sobolev.
Recherchen bei der Leopoldina
Diese Brücken wurden von dem Quartett oft genutzt. Die Veröffentlichung von neun Bänden Steller-Forschungen in Deutsch und Russisch ist ein Zeichen davon. Aber auch Eduard Kolchinsky nutzte die Möglichkeiten und recherchierte oft in der Bibliothek der Leopoldina in Halle. "Das ist eine der besten Bibliotheken der Welt", sagt er. Viele Informationen, die er in Halle gewinnen konnte, gingen in seine 2007 veröffentlichte Wissenschaftsgeschichte für Deutschland und Russland ein.
Für einen hohen Bekanntheitsgrad Halles in der sibirischen Stadt Tobolsk sorgte dagegen vor kurzem Anna-Elisabeth Hintzsche. Die Allgemeinärztin hielt bei einer Tagung einen Vortrag über die Franckeschen Stiftungen und ihre Verbindungen zu der Zarenfamilie der Romanows - auf russisch. Und so gibt es immer wieder neue Verbindungen zwischen Deutschland und Russland, über die die Vier gerne diskutieren. Egal ob in Halle oder in Sankt Petersburg.
Zur Tagung der Steller-Gesellschaft gibt es am Samstag um 18.30 im Institut für Zoologie am Domplatz 4 einen öffentlichen Vortrag "Sibirische Impressionen".

Mitteldeutsche Zeitung vom 26. August 2010
LINDENBLÜTENFEST - Die Franckeschen Stiftungen luden zum Handwerkeln mit Sand, Lehm, Holz und Stroh luden ein. 15 000 Besucher waren am Wochenende begeistert.
VON SILVIA ZÖLLER - Mitteldeutsche Zeitung vom 21. Juni 2010:
Wer beim Blick aus dem Fenster am Samstagmorgen dachte, dass das diesjährige Lindenblütenfest ins Wasser fällt, sollte Unrecht behalten. Und das liegt an einer feststehenden Wetterregel, weiß Thomas Müller-Bahlke, Direktor der Franckeschen Stiftungen: "Bisher hat es dabei noch nie geregnet." So mischte sich der Quasi-Gastgeber im kurzärmligen Hemd unter die rund 15.000 Besucher, die am Samstag und Sonntag in die historische Schulstadt kamen. Alle zwei Jahre findet seit 1992 das Lindenblütenfest statt.
Das diesjährige Motto "Abenteuer Bauen. Von der Hütte zum Palast" begeisterte die Gäste wie auch diejenigen Nutzer und Mieter der Stiftungen, die Mitmachangebote vorbereitet hatten, gleichermaßen. Da konnte mit Lehm und Stroh eine Mauer gebaut werden - und ein Schild warnte: "Sauber bleiben verboten. Eltern waschen ihre Kinder." Nägel einschlagen, Schindeln schneiden, Holz hobeln waren weitere Angebote, die zum großen Teil von Firmen angeboten wurden, die selbst zurzeit an Baustellen in den Stiftungen arbeiten. Gleich eine ganze Stadt mit selbst gebauten Häusern aus Holz und Schaumgummi konnten die kleinen Besucher im "Kinderbauland" entstehen lassen.
Ein Mini-Modell eines Balagan - der Sommerhütte der Itelmenen auf der russischen Halbinsel Kamtschatka - bot Tjan Zaotschnaja von der Steller-Gesellschaft zum Nachbau an. Gleichzeitig informierte die Itelmenin über die nur rund 5.000 Menschen zählenden Minderheit.
"Mit einem solchen Ansturm hätten wir nicht gerechnet", freute sich auch Grundschul-Lehramts-studentin Maria Liebert, die zusammen mit weiteren Kommilitonen eine witzige Bastelei anbot: Aus Zahnstochern, die mit aufgequollenen Trockenerbsen verbunden wurden, entstanden Häuser, Boote, Flugzeuge, Pyramiden oder einfache Quader. In einem Seminar hatten sich die Studenten mit dem Arbeiten und Lernen mit Materialien beschäftigt und ihre Ergebnisse für die Besucher präsentiert. Kaum jemand verließ das Gelände ohne eine Erbsen-Bastelei.
Na gut, einer hatte mit Sicherheit keine Zeit dafür: August Hermann Francke. In die Verkleidung des Gründers der Schulstadt war der Berliner Schauspieler Birger Markuse geschlüpft und mischte sich unter das Volk, sägte hier und mauerte dort. "Es ist großartig hier", schwärmte der Francke-Mime, der auch mit seinem Trio "Max Gaudio" die Lachmuskeln der Zuschauer reizte.
Egal ob man zur Kinderbühne schaute, auf der Hauptbühne höfischer Barockmusik lauschte oder im Schankviertel und am Kinderfreitisch einfach mal verschnaufte - Langeweile kam bei dem vielfältigen Programm wohl bei niemandem auf.
Das HalleForum berichtet über die Ausstellungeröffnung im Botanischen Garten.
SonntagsNachrichten vom 01. August 2010
HALLE. Im Kalthaus des Botanischen Gartens in Halle ist bis zum 27. August eine Ausstellung zu sehen, welche den Botaniker Georg W. Steller (1709-1746) würdigt.
Die ersten Listen und Aufzeichnungen von Pflanzen aus Alaska - Georg Wilhelm Stellers botanische Arbeiten in Amerika" ist der Titel der Schau. Steller hatte einige Jahre in Halle studiert und leistete später wissenschaftliche Pionierarbeit in Sibirien und Alaska. Die Internationale Georg-Wilhelm-Steller-Gesellschaft lädt ein. Zu sehen sind künstlerische Adaptionen, die in der Mal- und Zeichnewerkstatt des Künstlerhauses 188 unter Leitung des Burgprofessors Gerhard Schwarz entstanden. Gezeigt werden auch Landschaftsfotografien der Kayak-Insel (Alaska), fotografiert von Ullrich Wannhoff aus Berlin.
Mitteldeutsche Zeitung vom 26. Februar 2010
HALLE. In seinem 350. Geburtsjahr wurde dem Mediziner Friedrich Hoffmann gestern [25. Februar 2010] im Löwengebäude der Uni eine akademische Ehrung zuteil. Rektor Prof. Wulf Diepenbrock und Medizin-Dekan Prof. Stephan Ziert hielten Grußworte; Dr. Anna-Elisabeth Hintzsche von der veranstaltenden Georg-Wilhelm-Steller-Gesellschaft betonte, dass Hoffmann nicht nur Tropfen erfunden - die anschließend im Saal verteilt wurden -, sondern auch erfolgreich gelehrt habe. Davon habe auch sein Schüler, der Arzt und Naturforscher Georg Wilhelm Steller profitiert. Hoffmann habe Halle zu Lebzeiten mit seinem Kollegen Georg Ernst Stahl europaweit zur ersten Adresse in der Medizin gemacht, so Festredner Jürgen Helm. Für den Medizinhistoriker ist Hoffmanns größte Leistung "der Versuch, die Medizin auf eine wissenschaftliche Basis zu stellen". Dazu habe er über 600 Krankenfälle veröffentlicht. Allerdings: "Mit Hoffmanns Methoden möchte ich heute nicht behandelt werden", sagte Helm lachend.
Arzt-Legende: Begründer der Medizinischen Fakultät wurde vor 350 Jahren geboren - Doch eine Ehrung fehlt
VON FRANK CZERWONN - Mitteldeutsche Zeitung vom 19. Februar 2010:
HALLE/MZ. Seine berühmteste Erfindung - die Hoffmannstropfen - sind seit Jahrhunderten in aller Welt bekannt. Heute jährt sich der Geburtstag des halleschen Mediziners Prof. Friedrich Hoffmann zum 350. Mal. Doch obwohl Hoffmann Gründungsvater der hiesigen Medizinischen Fakultät ist, wird an der Uni dieses Jubiläum kaum beachtet. Die Chance, einen weltweit bekannten Hallenser - von dem aber viele gar nicht wissen, dass er Hallenser war - publikumswirksam ins Rampenlicht zu rücken, will die Alma mater offenbar nicht nutzen.
Dabei wurde Hoffmann nicht nur am 19. Februar 1660 als Sohn eines Arztes in Halle geboren, sondern hat hier auch gelehrt und praktiziert und ist auf dem Stadtgottesacker beerdigt - im Familiengrab Bogen 47. Dort wird heute, 16 Uhr, zumindest die Steller-Gesellschaft einen Kranz niederlegen. "Auf diese Idee hätte die Uni auch kommen können", räumt Uni-Sprecher Carsten Heckmann auf Nachfrage ein.
Doch wieso organisiert das die Steller-Gesellschaft? "Weil der spätere Sibirien-Forscher Georg Wilhelm Steller ein Schüler Hoffmanns war", erklärt Sprecherin Anna-Elisabeth Hintzsche. Die Gesellschaft veranstaltet auch mit der Uni die akademische Ehrung, die nächsten Donnerstag im Sessionssaal des Löwengebäudes stattfindet - jedoch quasi hinter verschlossenen Türen. "Sie richtet sich an einen kleinen Kreis, vor allem an den Senat der Uni", so Heckmann. "Für mehr wäre der Saal zu klein." Medizinstudenten sollen zudem am Semesterende in einer Vorlesung an Hoffmann erinnert werden.
Die Hallenser könnten zumindest in der Museumsnacht am 24. April etwas vom Hoffmann-Jubiläum mitbekommen - jedoch bloß durch ein Festkonzert des Orchesters der Medizinischen Fakultät in der Aula. Auch hieran ist die Steller-Gesellschaft beteiligt. Das Motto: "Der Schüler ehrt seinen Lehrer." Außerdem soll die Fakultät im Sommersemester eine öffentliche Veranstaltung mit Festvortrag organisieren, so Heckmann. "Allerdings ist der Termin unklar." Wenigstens Internetnutzer könnten heute über das Jubiläum stolpern: Auf der Uni-Homepage wird darauf hingewiesen.
Hoffmann war einer der bedeutendsten Gelehrten seiner Zeit. Er studierte und promovierte - mit einer Abhandlung über den Selbstmord - an der Uni Jena, unternahm Reisen nach Holland und England und arbeitete als Arzt in Minden und Halberstadt. 1693 wurde er vom Kurfürsten Friedrich III., dem späteren König Friedrich I. von Preußen, auf die erste Professur der neuen Universität Halle berufen. Er war ein sehr erfolgreicher Lehrer und zog viele Studenten nach Halle. Die Fakultät wurde zur führenden deutschen Ärzte-Ausbildungsstätte. 1709 wurde Hoffmann Leibarzt von Friedrich I., kehrte aber wegen Intrigen am Hofe nach drei Jahren zurück. Der Preußen-König schien ihn dennoch sehr zu schätzen, ließ er ihm doch übermitteln: "Grüßet den alten Hofmann und saget ihm, dass ich ihm meine Wiedergenesung vornehmlich verdanke." Hoffmann war mehrfacher Dekan und fünfmal Prorektor der Uni. Er kreierte nicht nur die bis heute erhältlichen Hoffmanns-Tropfen, denen belebende Wirkung zugeschrieben wird, sondern entdeckte auch die positiven Eigenschaften des Lauchstädter Quellwassers.
In den Franckeschen Stiftungen finden die deutsch-russische Begegnungen statt.
Mitteldeutsche Zeitung vom 24.10.2009
HALLE/MZ/MIFA. Die Erforschung des Schamanismus in Sibirien, die Beobachtung des Erdmagnetismus in Russland im 18. Jahrhundert oder die zweite Kamtschatka-Expedition Georg Wilhelm Stellers in der Darstellung des sowjetischen Kinos, mit solch speziellen Themen beschäftigen sich derzeit die Teilnehmer der deutsch-russischen Begegnungen.
Noch bis zum Sonntag finden diese Begegnungen zwischen rund 20 Wissenschaftlern aus Russland, den USA und Deutschland in den Franckeschen Stiftungen statt. Drei Tage lang beleuchten die Experten die gemeinsame Wissenschaftsgeschichte beider Nationen im 18. Jahrhundert. Im Mittelpunkt steht dabei der Sibirienforscher Georg Wilhelm Steller, der vor 300 Jahren im fränkischen Windsheim geboren wurde.
Neue Reihe geplant
Der abenteuerlustige reisende Theologe und Arzt, der auch Alaska erforschte, starb im Jahr 1746, nur 37 Jahre alt, im westsibirischen Tjumen'. Die Wissenschaftler-Treffen finden bereits das 15. Mal in Halle statt. "Da hat sich eine echte Kontinuität entwickelt", sagte Anna-Elisabeth Hintzsche, die die Tagung mit organisiert. Unter den eingeladenen Wissenschaftlern sind auch Mitglieder der Akademie der Wissenschaften Russlands. Ehrengast ist der 85-jährige Peter Hoffman, der maßgeblich zur Erforschung der deutsch-russischen Beziehungen im 18. Jahrhundert beitrug. Zu den Gästen zählt auch Margritt Engel aus Anchorage / USA. Die Vorträge und Diskussionen sollen in einer neuen Reihe mit dem Arbeitstitel "Hallesche Beiträge zur Geschichte und Ethnographie Sibiriens" veröffentlicht werden. "Wir wollen stärker herausarbeiten, welch große Bedeutung Halle als Ausgangspunkt der deutschen Aufklärung und der deutschen Russlandkunde durch die Universität und die Franckeschen Stiftungen hat", so Hintzsche. Der Ort dieser Begegnungen auf hohem wissenschaftlichen Niveau ist kein Zufall: Georg Wilhelm Steller studierte in Halle und unterrichtete wahrscheinlich auch die Waisenkinder der Stiftungen.
Gesellschaft hat Sitz in Halle
Die Tagung im Steller-Jubiläumsjahr findet im Zusammenarbeit mit dem Max-Planck-Institut für Ethnologische Forschung und der Internationalen-Georg-Wilhelm-Steller-Gesellschaft statt. Letztere hat ihren Sitz an den Franckeschen Stiftungen. Der Verein hat inzwischen mehr als 60 Mitglieder und ist vor zweieinhalb Jahren aus den "Begegnungen" heraus entstanden. Die Stiftungen geben, abwechseln in deutscher und russischer Sprache, die Bücher der "Edition Sibirica" heraus.
Windsheimer Zeitung vom 21.10.2009: Steller-Gesellschaft reist mit internationalen Forschern an - Diskussionsabend in der Aula
Sonntagsnachrichten vom 17. Mai 2009
HALLE. Künstlerische Adaptionen zu den Herbarblättern von Georg Wilhelm Steller" heißt eine Ausstellung im Botanischen Garten Halle, die am Freitag eröffnet wurde.
Seit Anfang der 1990er Jahre war der hallesche Historiker Wieland Hintzsche, Mitarbeiter der Franckeschen Stiftungen, in russischen Archiven tätig. Vor allem in St. Petersburg recherchierte er im Nachlass des deutschen Arztes und Botanikers Georg Wilhelm Steller (1709-1746) sowie der Teilnehmer der so genannten zweiten Kamtschatka-Expedition. Steller, der unter anderem in Halle beim berühmten Forscher Friedrich Hoffmann (Hoffmanns-Tropfen) Botanikvorlesungen besuchte, war als Vertragspartner der Petersburger Akademie an der Erkundung der ostsibirischen Vulkaninsel Kamtschatka als Teil der geografisch-naturwissenschaftlichen Erschließung des Russischen Reiches beteiligt. 1739/40 legte Steller von den Pflanzen des Baikal-Gebietes ein Herbarium an, das in Teilen erhalten ist und in St. Petersburg liegt. Die Botanikerin Heike Heklau fotografierte sie.
In der Mal- und Zeichenwerkstatt des Künstlerhauses 188 unter Leitung des Burgprofessors Gerhard Schwarz entstanden künstlerische Adaptionen, die bis zum 12. August im Kalthaus des Botanischen Gartens Halle gezeigt werden.
Die Internationale Georg-Wilhelm-Steller-Gesellschaft aus Halle will das Erbe des vom halleschen Pietismus geprägten Arztes und Naturforschers Georg Wilhelm Steller bekannt machen.
Mitteldeutsche Zeitung vom 08. Mai 2009
HALLE. Für Aufsehen in St. Petersburg sorgt derzeit die Wanderausstellung der Franckeschen Stiftungen. Die Schau im deutschen Kulturzentrum am Newskij Prospekt knüpft an die große Russland-Tradition der Stiftungen an, die bis auf Francke zurückgeht. Missionare aus Halle, der der Stiftungsvater ausgesandt hat, waren einst am Aufbau ds russischen Bildungssystems beteiligt und bauten - etwa in Sibirien - Waisenhäuser nach halleschem Vorbild auf. Noch heute wird der hallesche Sibirien-Pionier Georg Wilhelm Steller in Russland verehrt. Bei der Eröffnung der Schau konnte Stiftungs-Chef Dr. Thomas Müller-Bahlke wichite Kontakte knüpfen - etwa mit dem Bischof der Evangelkisch-lutherischen Kirche Russlands sowie Diplomaten und Forscheern. Nach seiner Unterschrift unter den Kooperationsvertrag mit dem Archiv der Russischen Akademie der Wissenschaften lann eine lange Zusammenarbeit nun noch weiter ausgebaut werden.
Zoo zeigt Werke Ullrich Wannhoffs zu Ehren Georg Wilhelm Stellers, Gesprächsrunde am Samstag
Georg Wilhelm Steller (1709-1746) ist bei den meisten Hallensern in Vergessenheit geraten. Dabei nimmt Steller in der Geschichte einen nicht unbedeutenden Platz ein. Er nahm an Franckes 2. Kamtschatka-Expedition teil und war der erste europäische Naturforscher in Alaska. Mit Vitus Bering entdeckte er den Seeweg von Sibirien nach Alaska. Neun Jahre lang reiste er durch Russland und Sibirien und trug mit seinen Werken zu einer erstarkende Selbstwahrnehmung der indigenen Bevölkerung Sibiriens bei.
Im Bergzoo in Halle (Saale) werden die zoologischen und botanischen Werke des Wissenschaftlers gewürdigt. So zeigt der Zoo noch bis 17. Juni die Ausstellung "Naturfotografien zu Ehren Georg Wilhelm Stellers" von Ullrich Wannhoff. Stellers Herbarblätter werden durch Gerhard Schwarz künstlerisch adaptiert und im Botanischen Garten ausgestellt.
Am Samstag, den 25. April 2009, um 14 Uhr hat sich die Vorstandsvorsitzende der Internationalen Georg-Willhelm-Steller-Gesellschaft, Frau Dr. Anna-Elisabeth Hintzsche, den Fragen der Besucher gestellt. Ziel des Gesprächsangebotes ist es, dem Besucher die Interpretationen des Künstlers Ullrich Wannhoffs näherzubringen und die großen wissenschaftlichen Leistungen Stellers im Licht der damaligen Zeit darzustellen und zu würdigen.
Pianistin Ragna Schirmer wird im Freylinghausen-Saal von Halle gefeiert
VON UTE VAN DER SANDEN - Mitteldeutsche Zeitung vom 23. März 2009:
HALLE/MZ. So viele Menschen! Und so viele junge! Zwar dürfte nicht allen im ausverkauften Freylinghausen-Saal der Name des Sibirien-Forschers geläufig gewesen sein, dessen 300. Geburtstag das Eröffnungskonzert zur Francke-Feier gewidmet war. Aber alle kannten Ragna Schirmer. Eine Woche nach dem Erscheinen ihres hoch gelobten Händel-Albums besann sich die in Halle lebende Pianistin auf Bachs Goldberg-Variationen.
Auch die hat sie eingespielt, vor Jahren schon. Allein im Rezital hört man die "Aria mit verschiedenen Veränderungen" selten: zu lang, zu groß, zu heikel. Und doch: "Ein ganzes Leben zieht vorüber", sagte Schirmer am Ende ihrer Einführung in das anderthalbstündige, für einen schlaflosen Grafen erdachte Variationswerk, eines der genialsten in der Musikgeschichte. Ein Spieler, der es nicht hinkriegt, die Aria nach 30 Variationen vor einer wie auch immer verwandelten Hörerschaft zu wiederholen, sollte die Finger von Bachs pianistischem Opus magnum lassen. Ragna Schirmer nahm sich dieser hohen Aufgabe mit einer Meisterschaft an, die das sinnlich erfahrbare musikantische Vergnügen einschließt, wie sie auf Kraft, Herz und Verstand gründet.
Und auf einem sportiv konditionierten Gedächtnis - kaum merklich wenige Texthänger und Missgriffe. Als die Aria hier zum zweiten Mal verklang, durfte man sicher sein, die Variationen neu entdeckt zu haben. Nachdem die Solistin langsam und sehr spät die Hände gelöst hatte, erschien unfassbar und doch plausibel, dass die verdämmernde leere Oktave der Ausweg aus einem Kosmos der Emotionen und kompositorischen Formen, der Virtuosität und der Meditation war - und des Glücks, dabei gewesen zu sein.
Schirmer trug die Goldberg-Variationen auswendig vor, ohne Pause, mit allen Wiederholungen. Sie spielte mit genau differenziertem Anschlag, blühend im Klang, ernst im Ton und streng im Metrum. Wählte Charaktere und Tempi so kontrastreich, dass keinem Takt die Spannung entwich. Benutzte fast nie das Dämpfungs- und auch das rechte Pedal nur zu kosmetischen Zwecken. Versah das Über- und Untersetzen der Hände in den doppelmanualig konzipierten Teilen mit größter Selbstverständlichkeit, breitete seelenruhig die dritte Moll-Variation aus, derweil die Zuhörer schon auf den Stühlen umherrutschten, und fasste die letzten Nummern in einem veritablen Temperamentsausbruch.
Spürbar erschöpft und beide Arme voller Blumen, dankte die Pianistin für den großartigen Applaus. Ihrem Publikum aber war einmal mehr bewusst: So gespielt, taugen die Goldberg-Variationen mitnichten als Schlafmittel.
Noch verdeckt ein blaues Tuch die Gedenktafel am Alten Markt: Anna-Elisabeth Hintzsche hält bei anhaltendem Regen ein Grußwort an die rund 50 Gäste, die zur Enthüllung des Steller-Denkmals gekommen sind.
VON OZAN DEMIRCAN - Mitteldeutsche Zeitung vom 11. März 2009:
HALLE/MZ. Bei der Geburt wollte man Georg Wilhelm Steller schon abgeschrieben haben: Als er am 10. März 1709 auf die Welt kam, öffnete er seine Augen nicht sofort - und wurde für tot erklärt. Lediglich die Hebamme wollte nicht daran glauben. 30 Minuten nach Stellers Geburt vernahm sie sein erstes Schreien - da hatte man ihn schon auf das Totenbett gelegt.
Der Hebamme müsste somit fast eine eigene Ehrung zuteil kommen - es war aber freilich nur Steller selbst, dem zu Ehren am Dienstag, an seinem 300. Geburtstag, eine Gedenktafel am Alten Markt 5 enthüllt wurde. Etwa 50 Gäste waren erschiene, darunter viele Mitglieder der Internationalen Steller-Gesellschaft, die sich um die Verbreitung der Werke des Sibirien-Forschers bemüht. Es gab aber auch spontane Zuschauer: "Wir wohnen im Haus Alter Markt 5 und wussten gar nicht, dass Steller dort studiert hatte", sagte Jana Graumann. "Wir gehen davon aus, dass Steller in seiner Studienzeit in Halle hier gelernt und auch gelehrt hat", meinte Anna-Elisabeth Hintzsche, Vorsitzende der Steller-Gesellschaft.
Gewohnt hatte in dem Haus damals ein Professor Michaelis, dessen naturwissenschaftliche Vorlesungen Steller besuchte. "Nach seinem Examen als Arzt soll Steller in diesem Haus selbst Vorträge gehalten haben, bevor es ihn erst nach Sankt Petersburg und 1741 dann zur Großen Nordischen Expedition zog", sagt Wieland Hintzsche, der 17 Jahre lang Stellers wissenschaftliches Leben erforscht hat. Auf seiner Reise erforschte Steller zahlreiche Völker und Tiere Sibiriens und war der erste Europäer, der Alaska betreten hatte. Auf der Rückreise 1746 starb Steller im russischen Tjumen'.
Nach der Enthüllung am Alten Markt stand den Interessierten ein Gang in die Franckeschen Stiftungen bevor: Dort sprach am Abend Peter Hoffmann zum Thema "Ein Lutheraner in Sibirien". Hoffmann forscht in Berlin über den Historiker und Geografen Gerhard Friedrich Müller, der ebenfalls bei der Großen Nordischen Expedition dabei war - zwischen Müllers und Stellers Forschungen existieren bisweilen große Schnittstellen.
Mit seinem 300. Geburtstag soll es mit der Forschung über Steller freilich nicht vorbei sein: "Es gibt noch sehr viel Material, das noch nicht ausgewertet ist", sagt Hintzsche. "Aber für das alles reicht meine Lebenszeit gar nicht mehr aus."
[ siehe auch "Gedenktafel an Stellers Wohnhaus" ]
Vor 300 Jahren wurde der Feldforscher, Arzt und Theologe Georg Wilhelm Steller geboren. Der hallesche Lehrer zog an Berings Seite bis Alaska.
VON CHRISTIAN EGER - Mitteldeutsche Zeitung vom 11. März 2009:
HALLE /MZ - Ein sibirischer Sommertag, wie Georg Wilhelm Steller viele sah: Am 29. Juni 1740 wird dem deutschen Naturwissenschaftler von einem jakutischen Fürsten "ein Rind auf den Weg" verehrt, sozusagen als Fleischtheke für alle Fälle. Nun muss das Tier mit durch den Nordosten Sibiriens zotteln. Bei 30 Grad Wärme im Sommer, 70 Grad Kälte im Winter. Zum Mittagsmahl hält etwas anderes her. "Ich ase zum ersten mahl einen gebratenen Storch", notiert der 31-Jährige. Der Vogel habe viel "von einem Schwahnen im geschmak".
Farben des Regenbogens
Am Tag darauf sehen wir den Lutheraner Steller an einem wilden Gewässer: Da "tauffete ich ein jakutisches Mädgen". Schon geht es weiter, immer nach Osten, große Natur rundum. "Aufwärts sahen" wir "den Mond aufgehen", notiert Steller zur Nacht. Und ein "phoenomenon", nämlich wie "der halbe Horizont vom Mond ab wie mit dem aller hellesten blitz erleuchtet wurde. Dabey die farben eines regenbogens deutlich zu erkennen waren."
Georg Wilhelm Steller, der heute vor 300 Jahren im fränkischen Windsheim geboren wurde, ist ein Mann, der nicht nur die Wissenschaftler, sondern auch die Dichter begeistern kann: So ließ W. G. Sebald (1944-2001) Steller 1988 in seinem "Nach der Natur" genannten "Elementargedicht" auftreten.
Der in Wittenberg, Jena, Leipzig und Halle theologisch, medizinisch und botanisch geschulte Forscher war nicht der einzige Teilnehmer der auf Befehl der Zarin Anna Iwanowna von 1733 bis 1743 durchgeführten zweiten Kamtschatka-Expedition, der Großen Nordischen Expedition. Aber Steller gehörte zu den fleißigsten Chronisten dieses von dem Marineoffizier Vitus Bering geleiteten Unternehmens, das über die Jahre hin rund 3 000 Menschen bewegen, nicht wenige davon das Leben kosten sollte. Ein Trupp zu Wasser, zwei Gruppen zu Lande. Am Ende wird der Seeweg nach Japan entdeckt, mit der Westküste Alaskas die Inselkette der Kurilen erfasst. Und endlich steht fest: Es gibt keine Landverbindung zwischen Asien und Amerika.
1737 wurde Steller, der 1734 als Arbeitssuchender von Preußen aus nach Russland übergesiedelt war, der wissenschaftlichen Abteilung der Expedition zugeteilt. Unter dem Kommando des Botanikers Johann Georg Gmelin zog Steller durch Sibirien, bevor ihn 1741 Berings Ruf ereilte, ihn als Schiffsarzt auf der geplanten Fahrt nach Amerika zu begleiten. Mit botanischen, zoologischen und ethnografischen Studien beschäftigt, erreichte Steller schließlich Alaska. Bering starb Ende 1741 auf der später nach ihm benannten Eismeer-Insel, auf der sein Schiff gestrandet war. Steller überlebte und schaffte es, mit 16 Kisten den Rückweg anzutreten.
Über alles Gesehene hat Steller akribisch Tagebuch geführt. Dokumente, die von dem halleschen Chemiker und Wissenschaftshistoriker Wieland Hintzsche von Beginn der 1990er Jahre an in einem beispiellosen Einsatz in St. Petersburg und Moskau ausgewertet, ja teilweise entdeckt worden sind. Fast alles sei verloren gegangen, hieß es damals, sagt Wieland Hintzsche. Er habe aber feststellen können: Fast alles sei erhalten. Buch für Buch führt der Mitarbeiter der Franckeschen Stiftungen in Halle die Aufzeichnungen des Feldforschungs-Pioniers Steller zur Veröffentlichung. In Franckes Stiftungen hatte der Student Steller einst ein Zubrot als Hilfslehrer verdient; heute werden vom Verlag der Stiftungen aus Stellers Schriften ediert. Im Mai, sagt Wieland Hintzsche, sollen die Irkutsk-Notate aus dem Jahr 1739 erscheinen.
Kein Grab, kein Porträt
1979 und 1991 gruben Archäologen systematisch die Beringinsel um: Das Grab des Kapitäns wurde gefunden, zahlreicher Hausrat, querfeldein verstreut: Teller, Becher, eine Uhr. Von Steller, der 1746 im sibirischen Tjumen' starb, ist weder ein Porträt noch ein Grab überliefert. Allein eine Zeichnung gibt es, von der vermutet werden darf, dass diese Steller zeigt: mit nacktem Oberkörper und welligem Haar. Beigesetzt wurde der 37-Jährige am Steilufer des Flusses Tura. Das Grab wurde zuletzt um 1770 gesehen. Heute ist es verschwunden: aufgefressen vom Fluss.
Enthüllung einer Gedenktafel für Steller heute 17.30 Uhr in Halle, Alter Markt 5. 18.15 Uhr im Freylinghausen-Saal der Franckeschen Stiftungen: Festvortrag "Ein Lutheraner in Sibirien" von Peter Hoffmann, Berlin.
Dreihundertster Doppelgeburtstag
FAZ vom 10. März 2009:
Die Meerenge zwischen Sibirien und Alaska ist nach dem Dänen Vitus Bering benannt. An seinen Fährten waren auch zwei Deutsche beteiligt. Georg Wilhelm Steller und JOhann Georg Gmelin waren an Bord der zweiten Beringschen Expedition von 1733 bis 1743. Der Mediziner Steller dokumentierte von Alaska Hunderte von Pflanzenarten und verfasste ethnologische Skizzen über die Eskimos. Der Chemiker Gmelin untersuchte die Küstenlandschaft und zeichnete die Beringsche Expedition auf. Zum dreihundertsten Geburtstag dieser Forscher finden an den Franckeschen Stiftungen in Halle unter der Beteiligung der Georg-Wilhelm-Steller-Gesellschaft von heute bis Ende Oktober zahlreiche Veranstaltungen statt, darunter Ausstellungen von Fotografien aus Sibirien, botanische Wanderungen und Vorträge zu Völkerkunde und Geobiologie (www. steller-gesellschaft.de)
VON OZAN DEMIRCAN - Mitteldeutsche Zeitung vom 6. März 2009:
Überliefert ist seine Bemerkung, man sei wohl nur gen Alaska gefahren, um amerikanisches Meerwasser nach Asien und Europa zu bringen - und schließlich sollten sie in der Großen Nordischen Expedition ja auch nur die Seewege zwischen Sibirien und Nordamerika erkunden. Georg Wilhelm Steller hatte bisweilen andere Ambitionen. Der Botaniker und Leibarzt der Expedition bat dazu am 20. Juli 1741 um "lediglich zehn Stunden" bei seinem Leiter Vitus Bering: Steller ging daraufhin an Land der Insel St. Elias und dokumentierte 160 bis dahin unbekannte Pflanzenarten, sammelte Werkzeuge der dort lebenden Inuit für seine ethnologische Sammlung -und war nebenbei der erste Europäer, der Alaska betreten hatte.
Jahresprogramm zum Jubiläum
Dem Ausnahmeforscher zu Ehren veranstalten die Franckesche Stiftungen in Kooperation mit der Steller-Gesellschaft in diesem Jahr ein internationales Jubiliäumsprogramm. Anlass ist der 300. Geburtstag Stellers, der 1734 in Halle sein Examen als Arzt ablegte.
Den Auftakt machten gestern Stiftungsdirektor Thomas Müller-Bahlke und Wieland Hintzsche, ein langjähriger Steller-Forscher. Seit 1996 bearbeitet eine Forschergruppe mit Wissenschaftlern aus Deutschland, Russland, Dänemark und Nordamerika unter der Leitung Hintzsches die Werke von Steller.
Dazu gehören auch die Tagebücher des Sibirienforschers, die Hintzsche dank seiner guten Kontakte nach Russland in St. Petersburg einsehen und für seine Forschungen benutzen konnte. Die bis dato unveröffentlichten Abschriften davon wurden gestern im Rahmen einer Pressekonferenz in den Franckeschen Stiftungen vorgestellt, wo sie nun auch ausliegen.
Am 10. März, dem Geburtstag Stellers, wird um 17.30 Uhr am Alter Markt 5 eine Gedenktafel für den Forscher enthüllt, anschließend findet ein Festvortrag im Freylinghausen-Saal statt.
Viele Vorträge und Ausstellungen
Am 17. März startet eine Ausstellung im Zoologischen Garten Halle, bei der Naturfotografien zu Ehren Stellers ausgestellt werden. Darüber hinaus folgt bis zum Oktober eine Reihe literarischer sowie wissenschaftlicher Vorträge in Halle unter dem Titel "Ein Lutheraner in Sibirien" mit Historikern und Russlandforschern aus ganz Deutschland und sogar aus Alaska.
Ein Programmpunkt läuft bereits seit dem 16. Februar im Latina-Gymnasium: Dort ist ein Schulprojekt parallel zur Ausstellung "Terra Incognita Sibirien" aus den Franckeschen Stiftungen zu sehen, das sich mit der wissenschaftlichen Erforschung Sibiriens durch deutsche Wissenschaftler im 18. Jahrhundert beschäftigt.
VON MARTINA SPRINGER - Mitteldeutsche Zeitung vom 23. Januar 2009:
HALLE/MZ. Das Themenjahr "Arbeitswelten" und die Jahresausstellung. Die Wiederaufführung von Händels erstem Benefizkonzert in London zugunsten des Foundling Hospital im Jahr 1749. Eine Tagung zu "Luther und der Pietismus" und eine andere zur Entwicklung bürgerschaftlichen Engagements in Halle. Vorträge, Gespräche, Buchvorstellungen.
Außerordentlich breit und vielfältig ist das Programm, das die Franckeschen Stiftungen in diesem Jahr den Hallensern und Gästen der Stadt offerieren. "Uns gehen die Ideen nicht aus und auch die Arbeit nicht", sagte Stiftungsdirektor Thomas Müller-Bahlke, der am Donnerstag Höhepunkte vorstellte und schon im Voraus zum Besuch einlud.
Die kulturellen Angebote sind eingebettet in das Themenjahr, das am 21. März eröffnet wird (MZ berichtete). Die traditionelle Jahresausstellung trägt den Titel "Kinder, Krätze, Karitas. Waisenhäuser in der frühen Neuzeit" und beschäftigt sich mit der Armenfürsorge vom Mittelalter bis heute. Parallel gibt es eine Vortragsreihe zur Geschichte des Waisenhauses, die die Schau wissenschaftlich begleitet.
Besondere Aufmerksamkeit wird in diesem Jahr Georg Wilhelm Steller (1709 - 1746) gewidmet, einem Theologen und Naturwissenschaftler. Er hatte als Informator am Waisenhaus gelehrt, war dann an die Wissenschaftliche Akademie St. Petersburg gegangen und wurde berühmt durch seine bahnbrechenden Forschungen im Rahmen der so genannten Großen Nordischen Expedition unter Vitus Bering. An Stellers 300. Geburtstag am 10. März wird an seinem einstigen Wohnhaus am Alten Markt 5 eine Tafel angebracht. An sein Werk sollen im März und April eine Vortragsreihe unter dem Titel "Ein Lutheraner in Sibirien" sowie im November eine internationale Tagung "Deutsch-russische Begegnung 2009" erinnern.
Ausgesprochen interessant werden dürfte nach Müller-Bahlkes Auffassung auch eine Ausstellung ab dem 1. November im Historischen Waisenhaus. Mehrere hundert historische Stadtansichten werden gezeigt, die ein Sammler aus Hannover zur Verfügung stellt. Die Schau werde durch "andere sinnvolle Stücke" ergänzt.
In engem Zusammenhang stehen laut dem Direktor die konzeptionelle Weiterentwicklung der Stiftungen und das Baugeschehen, in das in diesem Jahr rund 2,5 Millionen Euro investiert würden. Die Sanierung des historischen Brau- und Backhauses sowie dahinter liegender Gebäude werde ebenso fortgesetzt wie die Gestaltung der historischen Häuserzeile am Franckeplatz 3-5. Auch die Schließung der Baulücke neben dem Francke-Wohnhaus nehme Form an: Die Kulturstiftung des Bundes wolle 2009 einen internationalen Architektenwettbewerb ausloben. Baubeginn soll dann 2010 sein.
Friederike Lippold und Kustos Claus Veltmann präsentieren das neueste Image-Plakat der Stiftungen. Abgebildet ist Francke nach einem Ölgemälde aus dem Jahr 1725 von Antoine Pesne. Das Bild ist eine Leihgabe des Francke-Nachfahren Klaus-Peter Schweiger an die Stiftungen. (Foto: Thomas Meinicke)

Mitteldeutsche Zeitung vom 17. April 2008

"Den 22 Dec 1737. reiste abends um 3 Uhr aus Sankt Peterburg mit meiner Frau Liebsten, unserer kleinen Tochter... auf 3 Schlitten mit 4 Pferden...". So beginnen die Aufzeichnungen der neun Jahre dauernden abenteuerlichen Reise des Arztes und Botanikers Georg Wilhelm Steller in den fernen Osten Russlands. Seit dem 18. Jahrhundert war das Tagebuch der ersten Etappe bis Enisejsk (Jennissejsk) unauffindbar.

Der Forscher Wieland Hintzsche (Bild rechts), Mitarbeiter der Franckeschen Stiftungen zu Halle, hat jetzt Stellers Diarium im Archiv der Akademie der Wissenschaften in St. Petersburg wiederentdeckt. Die bisher noch nicht veröffentlichten Aufzeichnungen eröffnen auf mehr als 330 Seiten ganz neue Einblicke in den Charakter dieses Pioniers der Feldforschung, beleuchten seine sorgfältige Vorbereitung der Expedition und bringen eine Fülle unbekannter Beobachtungen.
Steller, der Theologie und Medizin in Wittenberg und Halle studierte, zieht es nach St. Petersburg, wo er von 1733 bis 1743 an der 2. Kamtschatka-Expedition - dem aufwendigsten Forschungsunternehmen des 18. Jahrhunderts - teilnimmt. Versehen mit einer umfangreichen Liste professoraler Instruktionen, reist er durch Sibirien zur Halbinsel Kamtschatka. Wissbegierig beginnt der junge Forscher, das Land, seine Vulkanberge, die Fauna und Flora sowie die hier lebenden Völker, vorwiegend Itelmen (Kamtschadalen) und Korjaken, zu erforschen. Er lernt wichtige Heilpflanzen zu unterscheiden. Gegen den Skorbut "bedienet man sich des Decocts [abgekochter Trank] von kleinen Zederngesträuchen... mit sehr großem Nutzen, und augenscheinlichem Effect...", heißt es in seiner 1774 erschienenen "Beschreibung von dem Lande Kamtschatka" - sie galt noch 100 Jahre danach als wichtigstes Werk über die arktische Natur und ihre Bewohner.

Im Frühjahr 1741 erhält Steller von Vitus Bering (Bild links), dem Leiter der Expedition, das ehrenvolle Angebot, als Naturforscher auf dem Paketboot "St. Peter" mitzureisen. Bering, ein Däne, hatte bereits auf der 1. Kamtschatka-Expedition die später nach ihm benannte Meerenge zwischen Asien und Amerika durchfahren.
Auf der Rückfahrt strandet die "St. Peter" am 4. November 1741 im Sturm auf der später nach Bering benannten Insel nahe Kamtschatka. "... Schlitten, lauffer, fuchsfalle von uns gefunden, ein Stuk von einem flos... und Ruder..., so ohne Zweiffel aus Kamtschatka abgetrieben... ein Stuk von dem Korb wo sie in Kamtschatka fische Verwahren...", schreibt Steller in der jetzt ebenfalls in St. Petersburg aufgefundenen Tagebuchkladde. Es gibt kein Bildnis von ihm. Einzig sein eng beschriebenes Tagebuch, kenntnisreich und mit Ironie geschrieben, sind erhalten. Es sind Zeugnisse eines großartigen Forschers.
National Geographic Deutschland
Im Verlag der Franckeschen Stiftungen zu Halle sind die von Wieland Hintzsche herausgegebenen "Quellen zur Geschichte Sibiriens und Alaskas aus russischen Archiven" (Band 1: "Georg Wilhelm Steller - Briefe und Dokumente 1740" und Band 2: "Georg Wilhelm Steller, Stepan Kraseniseninnikov, Johann Eberhard Fischer - Reisetagebücher 1735 bis 1743") erschienen.

Im Buch "Comander - Leben am Ende der Welt" reflektieren Ulrich Wannhoff und Karen Törmer Landschaften sowie Tier- und Pflanzenwelt der Kommandeurinseln. Dabei setzen sie Stellers Aufzeichnungen gegen eigene Erlebnisse und Eindrücke.
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